Absturz
Diese Seite möchte ich einem ganz wichtigen Thema widmen.
Du, lieber Leser, hast nun schon eine ganze Menge gelesen und es wird Zeit, hier auch mal ein
nicht so tolles Thema anzusprechen.
Ein aktiver Part ist immer auf die Signale, ob bewusst oder unbewusst, des passiven Parts
angewiesen.
Allerdings sollte der aktive Part sich nicht 100% darauf verlassen.
Durchaus kann es vorkommen, dass sich der passive Part "überschätzt".
Von einer Überschätzung (im passiven Sinne) spricht man dann, wenn der passive seine Grenzen
nicht verschieben lässt, sondern diese, ohne Rücksicht, überschreitet.
Dies kann passieren, weil man dem aktiven etwas geben möchte wozu man (noch) nicht bereit ist.
Es kann auch durch Liebe oder falschen Stolz ausgelöst werden.
Anmerkung:
Gerade für Anfänger möchte ich hier noch etwas loswerden:
Egal aus welchem Grund, ein Abbruch zu Stande kommt, es ist auf gar keinen Fall
schlimm!!!!!!
Es zeugt nicht von Stärke weil man Schmerz erduldet um geliebt zu werden. Es zeugt auch
nicht von Stärke, wenn man mit anderen Mithalten will...
Es zeugt aber von Stärke wenn man merkt, dass es nicht mehr geht und man Abbricht oder
Abbrechen lässt.
Auch zeugt es nicht von Stärke, wenn aktiv ohne Rücksicht auf Verluste, sein Ding durchzieht.
Es zeugt jedoch von Stärke und Verantwortung, wenn man auf passiv eingeht und (von sich aus)
Abbricht.
Es kann durchaus auch vorkommen, dass passiv so weit abdriftet das es gar nicht möglich ist,
Signale auszusenden.
Auch kann es vorkommen, dass aktiv gesendete Signale fehl interpretiert.
Es kann allerdings immer mal dazu kommen, dass etwas schief geht.
Dann reden wir von "Abbruch".
Ein Abbruch bedeutet, dass es dem aktiven/passiven zu viel wird. Gefühle können z. B. nicht
mehr umgesetzt werden.
Man unterscheide zwischen einem aktiven und passiven Abbruch.
Kommt es von Seitens des aktiven zu einem Abbruch, so nennt man es ein "Fehlspiel".
Bei einem Fehlspiel handelt es sich z.B. darum, dass sich aktiv überfordert fühlt.
Hier ist die Rückmeldung (reden) des passiven von Bedeutung.
Kommt es von Seitens des passiven zu einem Abbruch, so nennt man es "Absturz".
Kommt es zu einem Absturz bedeutet das, dass z. B. Grenzen überschritten wurden.
Es können z.B. Gefühle nicht umgesetzt werden oder man kann sich auf die Situation nicht
einlassen (Nebengeräusche). Die Spannung kippt.
Hier fällt der passive Part in ein emotionales Nichts.
Das ist soweit auch gar nicht "schlimm", solange der aktive Part den passiven Part "Auffängt".
In der Regel wird der passive von dem aktiven, nicht nur nach einem Abbruch "Aufgefangen".
Unter Auffangen versteht man, den Ausklang einer Session. Hier begegnet sich aktiv und passiv
auf gleichberechtigter Ebene. Dies ermöglicht es, dass man wieder zu sich findet.
Man spricht miteinander (Achtung und Respekt), sucht die körperliche Nähe (Geborgenheit)
und Sicherheit. So gleitet man in die Realität zurück.
Gerade nach einem Abbruch ist das Auffangen von großer Bedeutung!
Befindet sich der passive in einem emotionalen "Nichts" ist es ist wichtig dem passiven
nun das Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit, Respekt und Achtung zu vermitteln.
Später sollte man auf jeden Fall, ohne Scheu, über die Situation und den Abbruch, die Gefühle
während der Session und danach, reden.
Erfahrungsbericht:
Symbolisch:
Ich hatte das Gefühl in einem Sumpf zu stecken. Der Sumpf symbolisiert hier BDSM.
Ich steckte fest und der Sog versuchte mich immer tiefer zu ziehen. Der Sog symbolisiert die
Sucht.
Und eine riesige Welle schwappte auf mich nieder und versuchte mich runter zu drücken. Die Welle
war mein Absturz.
Ich für mich musste die Erfahrung machen, dass es zu einem Abbruch während einer Session kam.
Die Gefühle nach diesem Abbruch waren sehr heftig.
Das emotionale "Nichts" in dem ich mich befand wurde nicht aufgefangen.
Im Gegenteil, er verstärkte meine Gefühle in dem er mir deutlich zu verstehen gab, dass ich
Schuld wäre. Für ihn und somit auch für mich, habe ich versagt...ich habe ihm nicht alles
gegeben was er wollte.
Ich stand alleine mit meiner Gefühlswelt.
Ich kritisierte mich selbst, dass es zu diesem Abbruch kam.
Ich gab mir die Schuld, dass er nicht das bekam was er wollte bzw. was ihm zustand.
Ich suchte den Fehler bei mir, nur bei mir.
Ich redete mir ein zu "schwach" zu sein.
Ich war es, die verweigerte.
Ich war es, die versagte.
Ich fühlte mich elendig.
Ich fühle mich schmutzig und mies.
Ich war deprimiert.
Ich war traurig.
Ich war verunsichert.
Ich war verzweifelt.
Ich suchte bei ihm die Anlehnung, stattdessen fand ich Zurückweisung.
Ich suchte Nähe und er wies mich ab.
Ich suchte das Gespräch und wurde ignoriert.
Ich suchte Trost und er stieß mich zurück.
Ich suchte Sicherheit und er lies mich alleine.
Ich suchte bei ihm Hilfe und er verweigerte sie mir.
Ich fing an zu zweifeln, zu zweifeln ob dies mein Weg war.
Ich war alleine, alleine mit meinen Gefühlen.
Meine Gefühle wandelten sich zuerst in Wut.
Wut gegen mich selbst.
Dann in Zorn, gegen mich selbst.
Und zum Schluss fing ich an mich zu hassen.
Mein Leben zu hassen.
Meine schönen Erfahrungen zu hassen.
Hätte ich doch nur niemals davon erfahren.
Ich war verzweifelt, weil ich aus falschem Stolz, mich niemanden anvertrauen wollte.
Ich wollte mein altes Leben zurück, so ganz ohne BDSM.
Ich war früher glücklich und zufrieden gewesen. O.K. ich war nicht erfüllt, aber wozu
braucht man das?
Ich wollte alles vergessen, aber das ging leider nicht.
Für jemanden der so etwas nicht erlebt hat, ist es sicher schwer zu verstehen. Diejenigen,
die so etwas schon erlebten werden sicher nachfühlen können was in mir vorging.
So stand ich nun da, alleine in einem großen dunklen Loch.
An wen hätte ich mich wenden können?
Ich schämte mich. Ich hatte versagt und dann auch noch mit so einem Erlebnis...wem sollte man
sich da anvertrauen?
Meiner Freundin? Die hat mit S/M nichts am Hut...
Ich versuchte mir einzureden, dass es ja gar nicht so schlimm wäre. Immerhin hatte ich ja keine
bleibenden körperlichen Schäden erlitten.
Die Spuren würden mit der Zeit vergehen.
Also, wieso sollte ich mich dann jemanden anvertrauen?
Außerdem war ich doch, an allem, selber Schuld.
Andreas, mein Mentor, merkte sehr schnell dass etwas mit mir nicht stimmte.
Zu diesem Zeitpunkt war ich mir noch nicht einmal bewusst, dass ich ihn als Mentor
ausgewählt hatte.
Er sprach mich an und ich zierte mich, mich ihm anzuvertrauen. Aber es brauchte nur einem Satz,
der mich zusammen zucken lies.
Wir sprachen über das Erlebte und das mich der "Dom" alleine gelassen hatte. Alleine mit dem
Erlebten, alleine mit meinen Ängsten und alleine mit meinen Gefühlen.
Alleine in diesem dunklen Loch.
Andreas gab mir die Sicherheit zurück, die ich verloren hatte.
Er war es der mir ein Gefühl von Geborgenheit vermittelte.
Er tröstete mich und er hörte mir zu.
Er brachte mich wieder zum lachen.
Er gab mir zu verstehen, dass ich nur das geben kann was ich bereit bin zu geben und das es in
der Verantwortlichkeit eines Dom´s steht zu erkennen, wann diese Grenze erreicht bzw.
überschritten wurde.
Durch ihn erkannte ich, dass es nicht meine Schuld war, dass es zu diesem Absturz kam.
Das es generell nicht schlimm ist, wenn es zu einem Abbruch kommt sofern der Dom seiner
Verantwortung nach kommt und den Bottom auffängt.
Durch ihn verstand ich, dass ich nichts falsch gemacht habe, sondern dass der "Dom"
unverantwortlich handelte.
Durch ihn konnte ich das Erlebte reflektieren und verarbeiten.
Durch ihn kam mein Mut zurück...den Mut um meinen Weg weiter zu gehen...
Hier an dieser Stelle möchte ich mich noch einmal bedanken, dass du da warst als es mir so
schlecht ging.
Anmerkung:
Es liegt in der Verantwortung eines Dom´s seinen Bottom nach einem Absturz aufzufangen.
Sollte dies nicht der Fall sein, so fehlt für mich die Verantwortung und somit ist es auch
kein Dom!
Es liegt immer an einem selber auf die Beine zu kommen, die Kraft erhält man jedoch durch das
Auffangen.